Gesundheit, Pflege & Care-Arbeit 18/19

Sozialökonomische Perspektiven

Themensemester für praxisnahe Lehre und Forschung am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg

Warum „Gesundheit“ als sozialökonomisches Thema?

Im Kontext der aktuellen Polarisierung um die Arbeitsbedingungen der Pflegenden in deutschen Krankenhäusern, dem „Dieselskandal“ als neuestes Kapitel eines gesundheitsgefährdenden Umgangs mit den Verkehrsproblemen in Ballungsgebieten oder der kontinuierlichen Zunahme psychischen Leidens größerer Teile der Gesellschaftstellt sich die Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit den gesundheitlichen Risiken um, die unsere Lebens- und Produktionsweise erzeugt? Konkreter steht im Schatten dieser aktuellen Auseinandersetzungen um eingutes und gesundes Leben für alle die Frage, wie wir ein Gesundheitssystem weiterentwickeln, das bedarfsgerecht finanziert und solidarischsowie nachhaltig organisiert ist. Zur Beantwortung und Lösung dieser Fragen wollen wir den Blick des kommenden Themensemesters auf den Begriff der Gesundheit als eine sozio-ökonomische Kategorie werfen.

Was ist ein Themensemester?

Mit dem Projekt eines Themensemesters wollen wir uns als Fachbereich Sozialökonomie der kontinuierlichen Aufgabe stellen, gesellschaftlich relevante Fragen und Problemlagen gebündelt diskutierbar und erfahrbar zu machen. Damit wollen wir einen Beitrag leisten, um universitäre Lehre problemorientiert, gesellschaftlich eingreifendund praxisnah weiter zu entwickeln, um so dem Leitbild unserer Universität getreu „wissenschaftliche Freiheit in gesellschaftlicher Verantwortung“ zu organisieren und damit „zur Entwicklung einer humanen, demokratischen und gerechten Gesellschaft beizutragen“.

Gesundheit ist keine Privatsache

Im Betrachtungsfeld von Gesundheit als einer sozio-ökonomische Kategorie zeigt sich, dass die Einordnung, ob Menschen krank oder gesund sind, nicht ausschließlich von ihrem individuellen Verhalten oder ihrem körperlichen Zustand abhängt, sondern auch von den sozialen, ökonomischen und kulturellen Zuständen, in denen sie leben.

Zur Einordnung dieser Lebensumstände wollen wir gemeinsam reflektieren und diskutieren, wie gesellschaftliche Probleme „unter die Haut“ kommen und somit gesundheitlich wirksam werden. Auch für Deutschland gilt: Wer arm ist, ist häufiger krank und lebt kürzer. Die Public Health Forschung zeigt, dass der Sieg über die großen europäischen Seuchen keineswegs primär ein Sieg der Medizin war. Vor allem den Verbesserungen in der Ernährung, der Bildung und der städtischen Umwelt sowie technischen und sozialen Reformen in der Arbeitswelt war es zu verdanken, dass in industrialisierten Ländern die große Geißel der Seuchen von den Menschen genommen wurde.

Die Verschiebung des Blickes auf die Lebensumstände, die unsere Gesellschaft und die Menschen krank oder kränker machen, stellt uns vor sozialökonomische und konkrete politische Fragen, die wir in diesem Themensemester gemeinsam diskutieren wollen. Gesundheit ist eine öffentliche Angelegenheit und die Veränderung der gesundheitlichen Lage unserer Gesellschaft und derer Subjekte eine ökonomische und politische Frage.

Auseinandersetzungen um Gesundheit in den aktuellen Verhältnissen

Jede*r hat direkte oder indirekte Erfahrungen damit gemacht, welche Probleme die aktuelle Organisation des Gesundheitssystems für Mitarbeitende, Patient*innen etc. bringt. Ein zentraler Aspekt der Veranstaltungsreihe des Themensemesters soll daher die Diskussion um exemplarische Auseinandersetzungen und Phänomene sein.

Zur Lösung dieser Herausforderungen kann jeder mit seinen individuellen Erfahrungen beitragen, auch wenn wir (noch) keine Expert*innen auf dem Gebiet sind. Gemeinsam mit Kolleg*innen, die schon länger zu diesen Problematiken forschen und aktiv sind, wollen wir beispielsweise erarbeiten, wie wir gesellschaftlich damit umgehen, dass die Gesundheit eines Menschen immer noch von seinem/ihren sozialen Stand in unserer Gesellschaft abhängt, und uns als Akteure der Veränderung in diese Debatte einmischen. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat es, dass ein Großteil der unbezahlten Care-Arbeit immer noch von Frauen getätigt wird? Wie entwickeln wir das Finanzierungssystem im Gesundheitswesen weiter, sodass keine (Fehl)-Anreize zur Kosteneinsparung beim Pflegepersonal entstehen und ist dies mit dem aktuellen System der Fallpauschalen überhaupt vereinbar? Wie entwickeln wir ein Arbeitsumfeld für Beschäftigte, das nicht durch Druck und Konkurrenz krank macht?

All diese Fragen sind für uns mittelbar aber auch unmittelbarals Mitglieder der Universität von Relevanz. Laut CampusKompass 2015 der Techniker-Krankenkasse gaben 44% der befragten Studierenden an, durch Stress erschöpft zu sein. 27% gaben sogar an, „dass der Druck schon einmal so belastend gewesen [ist], dass sie ihn mit Ihren üblichen Entspannungsstrategien nicht bewältigen konnten“. Die psychische Gesundheit im Studium ist eine weitere Dimension umfeldinduzierter Gesundheitsdeterminanten, der wir uns in diesem Themensemester widmen wollen, um am Ende Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Gesundheitsveränderung heißt Gesellschaftsveränderung

Gesundheit und Wohlbefinden werden von einem Mix aus biologischen und sozialen Faktoren bestimmt. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisen- und Umbruchsprozesse – etwa die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, die Vermarktlichung des Sozialstaats, die Verschiebungen in sozialen Ungleichheitsrelationen, aber auch die Neuzusammensetzung von bezahlter und unbezahlter Arbeit genauso wie Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen –  haben unmittelbare und indirekte Auswirkungen auf die Gesundheitsbedingungen, auf Belastungssituationen und Krankheitsbilder.

Daher wollen wir auch ran an die Fragen von Lohnentwicklung, Organisation von Reproduktionsaufgaben und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, um eine Veränderung zu gestalten, mit der sich ein Beitrag zur Verwirklichung der Sustainable Development Goals (SDG’s) der Vereinten Nationen leisten lässt, zu der sich die Uni Hamburg mit dem neuen universitären Leitbild verpflichtet hat.

Reale Alternativen und mögliche Veränderungen 

Mit der Poliklinik auf der Veddel oder dem Gesundheitskiosk als Teil eines Gesundheitsnetzwerkes in Billstedt/Horn machen sich schon heute gesundheitspolitische Akteure direkt in unserer Stadt auf den Weg, um die Gesundheitsversorgung der Zukunft zu erproben.

Im letzten Drittel des Semesters wollen wir mit Initiativen und Projekten in Hamburg diskutieren, wie eine Gesundheitsversorgung funktionieren und finanziert werden kann, die einen Blick auf die Umstände richtet, in denen wir krank werden, und benachteiligten Gruppen eine bessere Gesundheitsversorgung ermöglicht.

Denn Programmflyer findet ihr hier und als pdf zum downloaden.

Termine der Veranstaltungsreihe

alle Veranstaltungen finden 18.00 Uhr (c.t.) im Raum S28 im Von-Melle-Park 9, Uni Hamburg statt

23.10.2018
Ökonomisierung des Sozialen – insb. der Medizin
Phänomen, Herausforderung, Möglichkeiten
Karl Heinz Wehkamp – Mediziner, Uni Bremen
Robin Mohan – Soziologe, Uni Frankfurt
Mathias Kifmann– Ökonom, Uni Hamburg

06.11.2018 (Die Veranstaltung fällt leider aus !!!)
Sozioökonomische Determinanten von Gesundheit – Gesundheit als sozialökonomische Kategorie
– Armut, Bildung und Gesundheit

Gerhard Trabert – Mediziner, Hochschule RheinMain

20.11.2018
Der Pflegenotstand – die soziale Frage unserer Zeit?
Eine Veranstaltung im Rahmen der Orientierungseinheit des Bachelors Sozialökonomie

04.12.2018
Auseinandersetzungen um Arbeitsbedingungen in Gesundheitsberufen

Theresa Tschenker – Juristin, Frankfurt/Oder

18.12.2018
Psychische Gesundheit und Krankheit im Studium
Bernd Nixdorf – Psychologische Beratungsstelle der UHH
Henning Lohmann – Soziologe, Uni Hamburg
Artur Brückmann – Studierender der Sozialökonomie Uni Hamburg

08.01.2019
Care-Arbeit, Gesundheit und Geschlecht
Tine Haubner – Soziologin, Uni Jena
Miriam Beblo – Ökonomin, Uni Hamburg

15.01.2019
Städtische Segregation & multiprofessionelle Versorgung Erfahrungen von der Veddel und aus Billstedt/Horn
Alexander Fischer (Optimedis AG) Gesundheitskollektiv Veddel

22.01.2019
Herausforderungen eines zukünftigen Gesundheitssystems – Verhältnisprävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Kirsten Schubert  – Medizinerin, Berlin

29.01.2019
Abschluss-/ Fazitveranstaltung

 

Denn Programmflyer findet ihr hier auch als pdf zum downloaden.