Sozialökonomische Perspektiven in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung

Themensemester 2019/2020

Das diesjährige Themensemester des Fachbereichs Sozialökonomie beschäftigt sich interdisziplinär mit Ursachen und Folgen gesellschaftlicher Polarisierung und den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen für eine sozialökonomische Analyse und Perspektive.

Warum beschäftigen wir uns mit gesellschaftlicher Polarisierung und was bedeutet das genau?

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich die Gesellschaft in einer multiplen Krise befindet, die bestehende gesellschaftliche Schieflagen vertieft und neue Polarisierungen schafft. Befeuert durch globale Konkurrenz, Finanzkrisen und Austeritätspolitik steigt der Vermögensunterschied zwischen den reichsten und ärmsten Teilen der Weltbevölkerung weiter rasant an. In diesem profitgetriebenen weltwirtschaftlichen Umfeld spitzt sich auch die Klimakrise weiter zu. Während die Regierungen der Industrienationen hinter ihre Klimaziele zurückfallen, fordern soziale Bewegungen eine soziale und ökologische Politikwende, ein sofortiges Ende der Kohleverstromung und eine Demokratisierung der Wirtschaft. In dieser allgemein krisenhaften Lage gewinnen rechte Kräfte zunehmend an Zustimmung. Ausgrenzung, Nationalismen, eine zunehmende politische Polarisierung und rechtspopulistische Stimmungsmache nehmen zu und können zur Verschärfung der Krise beitragen. Zugleich gehen bei Großdemonstrationen wie „Unteilbar“ bundesweit hunderttausende Menschen gegen Rassismus und Sozialstaatsabbau auf die Straße. Insgesamt stehen wir als Gesellschaft und Wissenschaft damit an einem Scheideweg: leisten wir einen Beitrag „zur Entwicklung einer humanen, demokratischen und gerechten Gesellschaft“ (siehe Leitbild der UHH) oder geben wir uns mit dem Status quo zufrieden und tragen so zu einer fortschreitenden Polarisierung bei?

Im Rahmen des Themensemesters wollen wir uns deswegen fragen, wie genau die globalen Polarisierungsprozesse auf sozialökonomischer, politischer und kultureller Ebene miteinander zusammenhängen und wie wir als Fachbereich Sozialökonomie zur Lösung dieser Fragen beitragen können. So wollen wir uns beispielsweise der Frage widmen, ob und wie die auf Deregulierung und marktvermittelten Strukturwandel zielende Politik der vergangenen Jahrzehnte mit dem Aufstieg rechter Kräfte zusammenhängt und dies exemplarisch am Zusammenhang des Aufstiegs der AfD in Ostdeutschland und der Treuhandpolitik diskutieren. Dabei wollen wir immer wieder sowohl die Rückbindung zu den globalen Zusammenhängen als auch zur eigenen wissenschaftlichen und hochschulpolitischen Praxis herstellen.

Wie geht es weiter mit dem Themensemester und welche Rolle spiele ich dabei?

Ziel des Themensemesters soll es sein, diese Fragen in den kommenden beiden Semestern am Fachbereich zu diskutieren und die Fragen insbesondere im Sommersemester 2020 auch in den Lehrveranstaltungen zu verankern. Im Wintersemester wird es dafür bereits verschiedene Podiumsdiskussionen geben, die sich mit einzelnen Aspekten der skizzierten Problemstellung beschäftigen und damit zur Vorbereitung auf die vertiefte Diskussion im Sommersemester beitragen sollen. Alle Lehrenden und Studierenden sind deswegen aufgerufen, sich in den Lehrveranstaltungen mit diesen Fragen auseinander zu setzen und dafür den nötigen Raum einzuräumen!

Gemeinsam wollen wir diese Fragen angehen und Perspektiven zur Überwindung der multiplen Krise erarbeiten!

Bei Interesse und Rückfragen wendet euch gerne an: Themensemester.sozoek@uni-hamburg.de


Termine der Veranstaltungsreihe

Alle Veranstaltungen finden um 18:30 Uhr in Raum S29, Von-Melle-Park 9 statt

10.01.2020

Die Treuhand, gesellschaftliche Polarisierung in Ostdeutschland und der Aufstieg der AFD

Der 30. Jahrestag des Mauerfalls gibt Anlass zu fragen, wie die Erfahrung der Privatisierung und „Abwicklung“ der ökonomischen Basis eines ganzen Landes zu tiefgreifenden Zäsuren und „Brüchen“ auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene geführt haben, die den Boden für eine stärkere Polarisierung der ostdeutschen wie gesamtdeutschen Gesellschaft bereitet haben. Inwiefern diese gesellschaftliche Polarisierung mit dem Aufstieg der AfD in Ostdeutschland zusammenhängt, soll Gegenstand der Diskussion sein.

In der Diskussion sollen historische, soziologische und ökonomische Argumentationen eine interdisziplinäre Annäherung an diese Fragen ermöglichen. Dabei soll es auch um die Frage gehen, ob dieses spezifische historische Ereignis allgemeinere Schlussfolgerungen für die Frage des Verhältnisses von Markt, Staat und Gesellschaft zulässt und was wir daraus für heute lernen können.

Referent*innen
Marcus Böick – Historiker, Ruhr-Universität Bochum
Daniela Dahn – freie Journalistin und Autorin
Wolfgang Menz – Arbeitssoziologe, Fachbereich Sozialökonomie an der Universität Hamburg

Der Veranstaltungsflyer findet ihr hier.


30.01.2020

Wer löst die Klimakrise? Klimapolitik im Spannungsfeld zwischen globalen Verhandlungen, Klimabewegung und Gewerkschaften

Was genau passiert eigentlich auf den UN-Klimakonferenzen? Werden sie den hohen Erwartungen gerecht, die an sie gerichtet werden? Mit der sich zuspitzenden Klimakrise wächst auch die Skepsis. Trotz des Pariser Klimaabkommens von 2015 steigen die globalen Treibhausgasemissionen weiter an. Zugleich fordern soziale Bewegungen wie Fridays for Future lautstark eine soziale und ökologische Politikwende. Doch auch hier mehren sich die Zweifel: Reicht es aus, Forderungen an die Politik zu stellen? Oder müssen wir uns nicht alle stärker selbst als politische Akteur*innen eines Wandels ‚von unten‘ verstehen? Auch Unternehmen und Gewerkschaften stehen vor der Frage, wie eine sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft der Arbeit gestaltet werden kann.

Im Rahmen der Veranstaltung berichtet zunächst ein Team von Forscher*innen der Universität Hamburg von den Ergebnissen der UN-Klimakonferenz COP25 in Madrid. Im Anschluss wollen wir gemeinsam mit Akteur*innen aus Klimabewegung und Gewerkschaft diskutieren, in welchem Verhältnis globale Klimaverhandlungen, nationale Politik und die Arbeit in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zueinander stehen. Dabei werden wir auch erörtern, wo es Anknüpfungspunkte gibt und wo sich im Gegenteil Widersprüche und Konfliktlinien zeigen.

Referent*innen
Katja Karger – Vorsitzende des DGB Hamburg
Stefan Ayut, Émilie d’Amico und Felix Schenuit – Fachbereich Sozialökonomie an der Universität Hamburg
Armin Günther – Klimabewegung 

Der Veranstaltungsflyer findet ihr hier.