Programm

» … alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.«*


PERSPEKTIVE NACH DER NEOLIBERALEN HEGEMONIE

 

»[W]eg mit der Resignation, mit der Selbstbezichtigung, dass Armut und Arbeitslosigkeit der eigene Fehler gewesen sei! Trainieren wir stattdessen, uns selbst um die öffentlichen Angelegenheiten zu kümmern […] Packen wir die Sache an mit Solidarität und Elan – geduldig und beharrlich! Es ist viel zu tun.« (Herbert Schui, 2013).

Der kämpferische Oppositionsgeist, das eingreifende Denken und die Zuversicht auf substantielle Veränderung,die aus diesem Zitat sprechen, waren charakteristisch für Herbert Schui und sein Schaffen. Sein Engagement in Gewerkschaft, Wissenschaft (Hochschule für
Wirtschaft und Politik, Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik)und Partei bildeten dabei eine Einheit. Es ging immer um Aufklärung gegen die Mythen mit denen die Menschen in Dummheit und Unmündigkeit gehalten werden sollen. Der Zielhorizont war und ist dabei eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen, soziale Gleichheit, die Verwirklichung von Demokratie als Alltagsprinzip und eine emanzipatorische Kultur, kurz: eine menschliche Gesellschaft. Gegen den neoliberalen Mythos vom unbedeutenden Individuum, das die naturgesetzlichen Gesellschaftsprozesse nicht erkennen und schon gar nicht bewusst verändern könne, und dessen einziges Glück darin bestünde, sich der „invisible hand“ des Marktes zu unterwerfen, hat Herbert Schui mit Überzeugung, Witz und Streitlust gewirkt.

»Lest den Schui – das bringt uns weiter!« So schloss sein Freund und Genosse Norman Paech seine Gedenkrede am 2. September 2016. In diesem Sinne laden wir ein zu einem öffentlichen sozialökonomischen Symposium in memoriam Herbert Schui für alle Interessierten aus Wissenschaft, Politik, Gewerkschaft und Kultur vom 24.–26.11.2017 an der ehemaligen Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg.

In diesem Sinne laden wir ein zu einem öffentlichen Symposium in memoriam Herbert Schui für alle Interessierten aus Wissenschaft, Politik, Gewerkschaft und Kultur vom 24.–26.11.2017 an der Uni Hamburg, Fachbereich Sozialökonomie, ehemaligen Hochschule für Wirtschaft und Politik.

NEOLIBERALISMUS – HEGEMONIE OHNE PERSPEKTIVE
Mit dem neoliberalen Projekt sollte – zugespitzt nach dem Ende der Systemkonkurrenz – die Profitmaximierung gesichert und gesteigert werden. Dafür wurde das Wohlstandsversprechen durch die Heiligsprechung des Marktes ersetzt, was zu einer drastischen Verschärfung der sozialen Ungleichheit führte. Der Sozialstaat wurde abgebaut (Hartz IV), die Märkte dereguliert, der Bildungs- und Gesundheitsbereich auf Leistung getrimmt, weite Teile des öffentlichen Sektors privatisiert, auf »Eigenverantwortung« und Individualisierung gesetzt (»There is no such thing as society.« (Thatcher)) und allgemeiner sozialer Fortschritt durch Austeritätspolitik (Stichwort Schuldenbremse) gebremst. Es sollte eingeschüchtert und demobilisiert, frustriert und vereinzelt werden – mit einigem Erfolg.

Der Sammelband zu Herbert Schuis 60. Geburtstag im Jahr 2000 markierte mit dem Titel »Neoliberalismus – Hegemonie ohne Perspektive« die Unfähigkeit des neoliberalen Kapitalismus, konstruktive Antworten auf die großen sozialen und ökologischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu geben. Spätestens seit der Weltwirtschaftskrise 2007 befindet er sich insgesamt in der Krise, die – mit Antonio Gramsci – gerade in der Tatsache besteht, »daß das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann«.
Der alte Neoliberalismus hat in ein ökonomisches Desaster geführt, sein Glücksversprechen gebrochen und stößt zunehmend auf Ablehnung und gesellschaftliche Opposition (z. B. internationaler Widerstand gegen Freihandelsabkommen, Proteste gegen Austerität und für Demokratie in Südeuropa, soziale Bewegung um Bernie Sanders in den USA , kritische Aktivitäten zum G20-Gipfel in Hamburg). Die Alternative zur neoliberalen Ideologie der Ausweglosigkeit war und ist: Aufklärung und gesellschaftliche Bewegung für Beschäftigungs-, Investitions- und Umverteilungspolitik, für Frieden und Allgemeinbildung als Kampfansage an die kapitalistische Unvernunft mit dem Ziel partizipativer Massendemokratie und sozialem Wohlstand aller. Dieses Neue aber tut sich noch schwer, weil die neoliberalen Mythen der Eigenverantwortung nachwirken und dem entgegenstehen, sich solidarisch zu assoziieren, um sich gemeinsam »um die öffentlichen Angelegenheiten zu kümmern«. Hier greifen Konservative und extrem Rechte an und versuchen mit reaktionären Vorstellungen zu Mensch und Gesellschaft durch konkurrenzhafte Hetze die alte Geschichte wieder hervorzuholen, zur Aufrechterhaltung der aktuellen Eigentumsverteilung (vgl. Familienbild der AfD oder Chauvinismus von Trump).

AUFKLÄRUNG FÜR NEUE PERSPEKTIVE
Angesichts der global zunehmenden sozialen Ungleichheit und den unausgeschöpften Möglichkeiten der menschlichen Zivilisation ist klar: eine neue »Perspektive nach der neoliberalen Hegemonie« ist von elementarer Bedeutung für eine demokratische und humane gesellschaftliche Entwicklung. Im Rahmen des Symposiums wollen wir daran arbeiten, uns den drängenden Fragen der heutigen Zeit zuwenden und dafür auf dem Werk Herbert Schuis aufbauen und aus ihm schöpfen. Wir fragen: An welche historischen Erfahrungen können wir anknüpfen, um einen emanzipatorischen Ausweg aus der Krise zu realisieren? Wie kommen wir entgegen Tendenzen autoritärer Staatlichkeit über den Kapitalismus zu wirklicher Demokratie? Welches emanzipatorische Potential steckt im und in den Kämpfen für den Sozialstaat? Wie kann gegen das Dogma der Austerität eine links-keynesianische Wende durchgesetzt werden? Wie verstehen wir die unheilige Allianz von Neoliberalismus und extremer Rechten, um diese souverän zu bekämpfen? Welche gesellschaftliche Rolle und Verantwortung kommt dabei den Wissenschaften und ihren Subjekten zu?

Mit Herbert Schui gehen wir davon aus, dass der Weg aus der Krise nur durch einen Bruch mit der neoliberal-kapitalistischen Theorie und Praxis, durch Aufklärung über ihre Mythen, durch das tätige Lernen aus der Geschichte, durch soziales und kulturelles Mündigwerden möglich ist. Packen wir die Sache an mit Solidarität und Elan!

Einladende: FSR Sozialökonomie, FSR Erziehungswissenschaft,
Norman Paech, Ute und Florian Schui.

* Karl Marx: zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie. 1844, MEW Bd. 1, S. 385.


PROGRAMM

FREITAG, 24.11.2017
18:00 Uhr Begrüßung
18:15 – 20:15 Uhr Wo stehen wir? Eine sozialökonomische und politische Bestandsaufnahme – Diskussion mit Klaus Ernst (IG Metall, DIE LINKE) und Lucas Zeise (Chefredakteur „UZ“, ehem. „FTD“)
20:30 – 21:30 Uhr „Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen.“ – Ein Kulturabend gegen die Intellektuellenfeindlichkeit mit Luc Jochimsen (Journalistin) (angefragt) und Olaf Walther (Journalist)

SAMSTAG, 25.11.2017
10:00 Uhr Der Sozialstaat war und ist finanzierbar.“ Zum Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie
10:00 – 11:00 Uhr Kritik des Neoliberalismus als politisch-sozial-ökonomisches Gesamtkonzept und eine Gegenperspektive – Vortrag und Einstiegsdiskussion mit Werner Goldschmidt (Prof. i. R. für Soziologie, HWP) Abstract
11:30 – 13:30 Uhr Workshops
Mit Keynes gegen Marx oder gemeinsam zur Humanisierung der Gesellschaft?  – (N.N.)
Die Memorandums-Gruppe: Alternative zu „There is no alternative“ – Rudolf Hickel (Prof. i. R. für VWL, Uni Bremen) Abstract
Thesen für eine offensive Gewerkschaftspolitik – Wolfgang Räschke (IG Metall Salzgitter) Abstract

13:30 – 14:30 Uhr Mittagspause

14:30 Uhr „Wollt ihr den totalen Markt?“: Wirksame gegen Rechts handeln
14:30 – 15:30 Uhr Die ideologische Allianz von Neoliberalismus und der extremen Rechten – Vortrag und Einstiegsdiskussion mit Stephanie Blankenburg (UN-Konferenz für Handel und Entwicklung, UNCTAD)
16:00 – 18:00 Uhr Workshops
Kritik der AFD und wirksame Alternativen – Kristian Glaser (Redaktion „Hamburg Debatte“)
Gesellschaftliche Polarisierung zwischen Front National und France Insoumise – Sebastian Chwala (Politikwissenschaftler) Abstract
Die konfliktorientierte Klassenpolitik der Sanders-Kampagne – Ingar Solty (Referent für Frieden und Sicherheitspolitik der RLS)
Leben im Neoliberalismus: Warum Menschen sowas mitmachen – Patrick Schreiner (Publizist) Abstract

19:00 – 21:00 Uhr Antwort auf die Krise der EU: Die Einheit von Frieden und Sozialem – Diskussion mit Fabio De Masi (ehem. Europaabgeordneter der LINKEN) und Norman Paech (Prof. i. R. für Völkerrecht, HWP)
Ab 21:30 Uhr Party im Café Knallhart

SONNTAG, 26.11.2017
10:00 – 12:00 Uhr Cui Bono? Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung und das Beispiel der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) – Diskussion mit Rainer Volkmann (Dozent i. R. für VWL, HWP) und Torsten Bultmann (Politischer Geschäftsführer Bund Demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, BdWi)
12:30 – 13:30 Uhr Abschlussrunde – Fazit, Konsequenzen, Danksagungen

Organisatorisches
Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Für die
Planung bitten wir um schriftliche Anmeldung per
Mail an schui-symposium@posteo.net 

 

Auch als PDF: Symposium_Programm

V.i.S.d.P.: FSR Sozialökonomie, Von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg